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    »In meinen Geschichten soll man
    sich nie sicher fühlen.
    Genau wie im wirklichen Leben
    kann alles passieren.
    Wenn man am wenigsten
    damit rechnet.«
    Stefan Ahnhem

»Mit Stefan Ahnhem ist endlich ein würdiger Erbe für Stieg Larsson da.«
NDR

Erscheint am 13. Mai 2016
Der Spiegel-Bestseller im Taschenbuch

Stockholm, kurz vor Weihnachten. Schnee und eisige Kälte haben die Stadt fest im Griff. Kommissar Fabian Risk wird zu einem brisanten Fall gerufen: Der Justizminister ist verschwunden. Er hat nach einer Debatte den Reichstag verlassen, kam aber nie bei dem auf ihn wartenden Auto an. Risk ndet den Minister, doch zu spät: Er wurde brutal ermordet. Und es bleibt nicht bei dieser einen Entführung. Gleichzeitig wird in Kopenhagen eine Frau umgebracht. Die junge Polizistin Dunja Hougaard ermittelt, muss sich dabei aber mit den unwillkommenen Avancen des Polizeichefs herumschlagen. Der sabotiert den Fall, wo er nur kann. So fällt keinem die Ähnlichkeit zu der Mordserie im Nachbarland Schweden auf. Bis es fast zu spät ist.

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Leseprobe

Stefan Ahnhem
Kriminalroman
Aus dem Schwedischen übersetzt von Katrin Frey
ISBN 9783548613147
Auch als E-Book erhältlich.

Es war nicht Fabians erster Besuch bei der Säpo, aber noch nie hatte er so viele Sicherheitssperren passiert und war so weit ins Innere des Hauses vorgedrungen, dass er schließlich die Orientierung verlor. Erst nach einigen Fahrstühlen und fensterlosen Korridoren wurden er und Herman Edelman, der ausnahmsweise auf dem gesamten Weg kein Wort von sich gegeben hatte, in einen größeren Saal mit schwacher Beleuchtung gebracht.

Kurz bevor er sich auf den Weg hatte machen müssen, war Theodor vom Hallenhockey gekommen und hatte sich nach kurzer Verhandlung bereit erklärt, sich um Matilda zu kümmern und dafür zu sorgen, dass sie ins Bett ging. Obwohl es ein gewöhnlicher Mittwoch war, hatte Fabian in Chips, Cola und einen Film im Schlafzimmer eingewilligt. Seine einzige Bedingung war, dass sie ihn nicht bei Sonja verpetzten und Matilda in der Schule kein Bild über diesen Abend malte.

»Sie müssen Herman Edelman und Fabian Risk sein.« Eine Frau trat aus der Dunkelheit hervor und gab ihnen die Hand. »Willkommen. Anders Furhage und die anderen warten schon.«

Die Frau führte sie in den Saal, und als sich Fabians Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte er einige dunkle Quader, die einen guten Meter über dem Boden zu schweben schienen. Er kannte die abhörsicheren Räume, die das Budget der Säpo angeblich um Millionen überstiegen hatten, aus Erzählungen, hatte sie aber noch nie mit eigenen Augen gesehen. Edelman dagegen zuckte nicht mit der Wimper, er war bestimmt schon hier gewesen. Er zupfte nur an seinem grauen Bart, rückte seine Nickelbrille gerade und ging weiter. So ernst und streng hatte Fabian ihn nicht erlebt, seit seine Frau vor zehn Jahren an Krebs gestorben war.

»Bitte sehr«, sagte die Frau und blieb vor einer Treppe stehen, die zu einem der kojenartigen Quader hinaufführte und vor einer mehrere Dezimeter dicken Tür endete, die vermuten ließ, dass sich die Kuben hermetisch verschließen ließen.

Die Wände des Kubus waren braun, der Boden mit dunkelrotem Teppich bedeckt. An einem ovalen Tisch saßen drei Anzugträger mit jeweils anderer Krawattenfarbe. Auf Anhieb erkannte Fabian den Generaldirektor Anders Furhage, der aufstand, um sie zu begrüßen, während sich hinter ihnen die Tür schloss.

»Wie schön, dass ihr so kurzfristig kommen konntet. Alles, was hier besprochen wird, ist absolut vertraulich, das ist hoffentlich klar. Handys also bitte gleich ausschalten und auf den Tisch legen.«

Fabian und Edelman taten, was ihnen gesagt wurde, und setzten sich.

»Gut, kommen wir direkt zur Sache.« Anders Furhage sah sie an. »Es hat sich eine, sagen wir, Situation ergeben, die sich, wenn es hart auf hart kommt, als nicht existent herausstellen könnte. Eine unbedeutende kleine Bagatelle.«

Fabian warf Edelman einen Blick zu, doch der machte ein genauso fragendes Gesicht wie er selbst.

»Melvin Stenberg, hier neben mir, ist für Personenschutz zuständig. Er kann euch mehr erzählen.« Furhage nickte dem Mann mit der blauen Krawatte zu.

»Heute um 15:24 Uhr, zirka eine Stunde nach Ende der Interpellationsdebatte im Reichstag, verließ Carl-Eric Grimås das Bürogebäude der Abgeordneten durch den westlichen Ausgang, wo ihn ein Fahrer erwartete. Laut unserem Fahrer ist Grimås nie aufgetaucht und seitdem nicht mehr gesehen worden«, sagte die blaue Krawatte, ohne eine Miene zu verziehen.

»Moment mal, wollen Sie damit sagen, der Justizminister persönlich ist verschwunden?«, fragte Edelman.

Stenberg strich seine Krawatte glatt und nickte.

»Wir haben das Gebiet rings um die Parteibüros und Rosenbad durchsucht und sowohl seine Familie als auch die Stabschefin des Ministeriums kontaktiert«, sagte der Mann mit dem grünen Schlips. »Aber momentan sind sie alle gleich ahnungslos.«

Schweigen machte sich breit. Es schien, als bräuchten alle – die drei Krawatten eingeschlossen – Zeit, um die Tatsache zu verdauen, dass ein Minister, und noch dazu ihr höchster Vorgesetzter, spurlos verschwunden war.

»Und das bezeichnest du als Bagatelle?« Edelman schüttelte den Kopf.

»Das habe ich nicht gesagt, Herman.« Furhage lächelte. »Wir wollen uns hier nicht die Worte im Munde herumdrehen, aber wie du weißt, habe ich gesagt, dass wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sagen können, ob …«

»Er ist doch verschwunden, Herrgott noch mal! Wie viele Politiker müssen denn in diesem Land noch ihr Leben opfern? Ich meine, wird Grimås denn nicht rund um die Uhr geschützt?«

Furhage drehte sich zu dem blauen Schlips um, der sich räusperte. »Also, da stellt sich ja immer die Frage nach den Ressourcen und Prioritäten. Unsere Risikoeinschätzung hat ergeben, dass sich die Gefahrenlage in Grenzen hielt, solange er sich in den Reichstagsgebäuden befand.«

Aber Hauptsache, wir sitzen in einem abhörsicheren Quader, dachte Fabian, während Furhage die grüne Krawatte aufforderte, die Knöpfe an der in den Tisch integrierten Armatur zu betätigen.

An der einen Wand wurde eine Leinwand ausgerollt. »Diese Sequenz stammt aus der Überwachungskamera am betreffenden Ausgang.« Er schaltete den Projektor ein.

In dem Filmausschnitt, der kaum länger als eine Minute dauerte, war zu sehen, wie Carl-Eric Grimås mit einer Aktentasche in der linken Hand auf die doppelten Sicherheitstüren aus Glas zuging, seine Passierkarte durch das Lesegerät zog, erst die eine und dann die andere Tür aufdrückte und im Schneegestöber verschwand.

Fabian kannte seine Kleidung von Fotos aus der Zeitung. Den Wintermantel mit dem dicken schwarzen Pelzkragen und den unverwechselbaren Hut, die sich gemeinsam zum Markenzeichen des Ministers entwickelt hatten. Unten in der linken Ecke stand die Uhrzeit, es war tatsächlich genau 15:24 Uhr.

Der Projektor ging aus, und die Leinwand verschwand lautlos in der Decke.

»Und da draußen stand eins von Ihren Autos und wartete auf ihn?« Fabian fand das Ganze nahezu unbegreiflich.

Der grüne Schlips nickte. »Der Fahrer hatte aufgrund des starken Schneefalls allerdings keine freie Sicht auf den Eingangsbereich. «

»Und wann ist er angekommen?«

»Grimås hat das westliche Reichstagsgebäude um 11:43 Uhr durch den Haupteingang betreten.« Der grüne Schlips wirkte hochzufrieden, weil er die Frage so prompt und präzise beantworten konnte.

»Um 11:38 Uhr verließ er Rosenbad und spazierte in schnellem Tempo die Strömgata entlang, aber anstatt die Riksbro zu überqueren, machte er einen Umweg über die Vasabro und den Kanslikai. Mit Personenschutz«, sagte die blaue Krawatte.

»Und wann begann die Interpellationsdebatte? Um zwölf?«

»Nein, erst um halb eins, aber Grimås ist bekannt für seine Pünktlichkeit.«

»Und der Fahrer, der ihn erwartete? Für welche Uhrzeit war der bestellt?«

»Fünfzehn Uhr.« Der blaue Schlips trank einen Schluck Wasser.

»Aber obwohl er für seine Pünktlichkeit bekannt ist, verließ er das Bürogebäude der Reichstagsabgeordneten erst um 15:24 Uhr.«

Die Krawattenträger wechselten Blicke, Anders Furhage räusperte sich.

»Lasst mich noch mal klarstellen, warum ihr überhaupt hier seid. Es geht nicht darum, dass ihr die Ermittlungen übernehmt. Ihr seid aus einem einzigen Grund hier, und zwar, um euch zu informieren. Mit anderen Worten: Solange wir nicht wissen, ob dem Vorfall überhaupt ein Verbrechen zugrunde liegt, sind wir für die Ermittlungen zuständig.«

»Was sollte denn sonst dahinterstecken, wenn nicht ein Verbrechen?« Edelman zog an seinem grauen Bart.

»Bislang gibt es keine konkreten Hinweise darauf, und wie … Verzeihung, wie heißen Sie noch mal?« Furhage wandte sich an Fabian.

»Fabian Risk.«

»Genau. Wie Risk schon sagte, gibt es da einige offene Fragen. Und wir arbeiten unter Hochdruck daran, sie zu beantworten. Jetzt schon voreilige Schlüsse zu ziehen ist meiner Ansicht nach sinnlos, aber wir halten Sie natürlich auf dem Laufenden.«

»Ach, wirklich? Sie haben die Information seit heute Nachmittag um halb vier unter Verschluss gehalten und uns jetzt erst informiert. Und das nennen Sie auf dem Laufenden halten?«

»Ich würde es so ausdrücken: Im Moment haben wir weder eine Leiche noch eine akute Gefahrenlage. Nichts spricht für einen Terroranschlag oder Ähnliches. Demgegenüber gibt es einige, die sein Auftreten in der letzten Zeit als gestresst und unkonzentriert bezeichnet haben. Was dafür spräche, dass er aus freien Stücken untergetaucht ist und einfach seine Ruhe will.«

Edelman rümpfte die Nase. »Hast du mal darüber nachgedacht, dass eure sogenannten Gefahrenanalysen für den Arsch sind und euch jetzt nichts anderes mehr übrigbleibt, als irgendwie Zeit zu gewinnen, um die Spuren eures Scheiterns zu vertuschen?«

»Herman, ich schlage vor, dass wir ein gewisses Niveau nicht unterschreiten.« Furhage ließ Edelmans Angriff an sich abperlen. »Niemand versucht, irgendwelche Spuren zu verwischen. Sonst würden wir ja nicht hier sitzen. Im Gegenteil. Wir haben das gleiche Ziel wie ihr. Herausfinden, was passiert ist. Natürlich ist es gut möglich, dass wir bei unserer Risikoanalyse Fehler machen, aber das ändert nichts daran, dass wir für die Ermittlungen zuständig sind, bis sich herausstellt, ob tatsächlich ein Verbrechen begangen wurde. Und ich möchte betonen, dass es nicht darum geht, euch auszuschließen. Wir wollen nur den Vorteil nutzen, im Stillen zu arbeiten. Denn eins wissen wir beide, Herman. Sobald ihr eure Maschinerie in Gang setzt, steht die Sache auf jeder Titelseite, und wir beide werden von morgens bis abends nur noch Pressekonferenzen abhalten.«

»Und wenn ich mich nicht darauf einlasse?«

»Das wirst du. Und um dir unnötige Kopfschmerzen zu ersparen, habe ich die Sache mit Crimson geklärt.«

Fabian beobachtete Edelman, der mit regloser Miene schweigend dasaß. Ihm war soeben der Teppich unter den Füßen weggezogen worden, er lag am Boden. Furhage hatte ohne sein Wissen bereits den Chef der Reichskripo kontaktiert und dessen Einverständnis eingeholt, die Reichskripo aus den Ermittlungen rauszuhalten. Vermutlich saßen sie auf Crimsons Anordnung hier und ließen sich informieren. Das Ganze war nur mit einem Dolchstoß zu vergleichen.

Doch da saß er, während die Sekunden vergingen, und ließ sich nicht im Geringsten anmerken, was er dachte. Stattdessen zog er sein Zigarilloetui aus der Tasche und öffnete es mit der einen Hand, während er mit der anderen sein altes Ransonfeuerzeug hervorkramte. Bevor jemand reagieren konnte, glühte das Zigarillo zornig rot, und er füllte seine Lungen mit Rauch. Weder Furhage noch eine von den Krawatten sagten etwas dazu, und erst nach zwei weiteren langen Zügen drückte Edelman das Zigarillo in seinem Glas aus.

»Alright. Dann sind wir hier fertig, glaube ich. Ich freue mich darauf, ständig auf dem Laufenden gehalten zu werden.«

»Selbstverständlich.« Furhage gab ihm die Hand. »Du stehst ganz oben auf meiner Liste. Das weißt du doch.«

Edelman übersah die ausgestreckte Hand und wandte sich stattdessen an Fabian, der aufstand, sein Handy einsteckte und sich schwor, niemals einen Chefposten anzunehmen.



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© 2015 by Stefan Ahnhem
© der deutschsprachigen Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015


Stefan Ahnhem

Stefan Ahnhem ist ein bekannter schwedischer Drehbuchautor, unter anderem für die Filme der Wallander-Reihe. Er lebt mit seiner Familie in Stockholm. Herzsammler ist der zweite Teil seiner Krimiserie um den Kommissar Fabian Risk und erzählt die spannende Vorgeschichte zum großen Spiegel-Bestseller Und morgen du.

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